Mein wahres Leben

Montag, 12. September 2016

Vorruheständlern nach dem Altersteilzeitgesetz wird Ihr gerechter Lohn vorenthalten

Bei Vorruhestand  nach dem Altersteilzeitgesetz vom 23. Juli 1996 und dem Tarifvertrag zur Reglung der Altersteilzeit (TV ATZ) vom 5. Mai 1998 wird schon seit fast 20 Jahren der gesamte Nettolohn faktisch nicht berechnet, sondern in einer Tabelle abgelesen, die letztmals im Jahr 2007 aktualisiert wurde. Dass, wie im TV ATZ vorgesehen, nur der Aufstockungsbetrag berechnet wird und dann dem errechneten Netto für die halbe Arbeitszeit zugeschlagen wird, ist eine Fehlannahme.

Der TV ATZ bestimmt in § 4 Abs.1 die Höhe der Bezüge:

„Der Arbeitnehmer erhält als Bezüge die sich für entsprechende Teilzeitkräfte bei Anwendung der tariflichen Vorschriften (z. B. § 34 BAT/BAT-O) ergebenden Beträge mit der Maßgabe, dass die Bezügebestandteile, die üblicherweise in die Berechnung des Aufschlags zur Urlaubsvergütung / Zuschlags zum Urlaubslohn einfließen, sowie Wechselschicht- und Schichtzulagen entsprechend dem Umfang der tatsächlich geleisteten Tätigkeit berücksichtigt werden.“
Damit ist der Arbeitnehmer wie jeder Andere zu behandeln, der halbtags arbeitet. Ihm steht also der halbe Bruttoverdienst zu und aus diesem ist nach gesetzlichen Vorschriften sein persönliches Netto zu bilden und es auch so wie errechnet, in den auszuzahlenden Nettolohn einfließen zu lassen.

Der TV ATZ bestimmt in § 5 die Höhe der Aufstockungsleistungen. Diese bestehen aus zwei Teilbeträgen. Die Ermittlung des Ersten wird in Abs. 1 festgelegt:

„Die dem Arbeitnehmer nach § 4 zustehenden Bezüge zuzüglich des darauf entfallenden sozialversicherungspflichtigen Teils der vom Arbeitgeber zu tragenden Umlage zur Zusatzversorgungseinrichtung werden um 20 v. H. dieser Bezüge aufgestockt  (Aufstockungsbetrag). ...“
Da dieser in der Regel nie 83 % des Nettoentgelts erreicht, soll dieser Aufstockungsbetrag nach TV ATZ Abs. 2 entsprechend erhöht werden:
„Der Aufstockungsbetrag muss so hoch sein, dass der Arbeitnehmer 83 v. H. des Nettobetrages des bisherigen Entgelts erhält (Mindestnettobetrag). Als bisheriges Arbeitsentgelt ist anzusetzen das gesamte, dem Grunde nach beitragspflichtige Arbeitsentgelt, das der Arbeitnehmer für eine Arbeitsleistung bei bisheriger wöchentlicher Arbeitszeit (§ 3 Abs. 1 Unterabs. 2) zu beanspruchen hätte; der sozialversicherungspflichtige Teil der vom Arbeitgeber zu tragenden Umlage zur Zusatzversorgungseinrichtung bleibt unberücksichtigt. ...“
Vereinfacht gesagt, hat der Vorruheständler nach TV ATZ § 4 und §5 Anspruch auf sein erarbeitetes Nettoentgelt (ist sonst auch ein Verstoß gegen § 611 BGB) und einen Aufstockungsbetrag, der aus der Differenz von 83 % seines fiktiven Vollzeitgehaltes und seinem jetzigen Halbzeitgehaltes besteht.

Dem ist aber nicht so! - wie weiter unten erörtert. Die Berechnungsvorschrift für das Gesamtnetto entspricht nicht den in TV ATZ gemachten Vorschriften und ist damit rechtswidrig.
Ausgezahlt bekommt der Arbeitnehmer ein Tabellenentgelt, welches sich nur nach dem fiktiven Bruttogehalt bei Vollbeschäftigung und der Steuerklasse bemisst. Und das war von Anfang an so. Zudem wurde die Tabelle zum letzten Mal vor ca. 8 Jahren aktualisiert und damit beziehen sich die Werte in der Tabelle auf Sozialabgaben und Steuertabellen, die schon lange nicht mehr aktuell sind.
Nach meiner Rechtsauffassung bleibt es Tarifparteien zwar überlassen, frei zu bestimmen, wie dieser Aufstockungsbetrag gebildet wird, aber auf das „erarbeitete Netto“ darf das keinen Einfluss haben.
Da frage ich mich natürlich, warum hat das keiner gemerkt. Am Anfang war der dadurch entstehende Fehler nicht so gravierend, da diese Tabelle regelmäßig den aktuellen Steuersätzen und durchschnittlichen Sozialabgaben angepasst wurde. Individuelle Merkmale werden zwar erfasst, aber im ausgezahlten Nettolohn nicht berücksichtigt. Jetzt, da die Tabelle schon etliche Jahre alt ist, ist die Abweichung zum eigentlich zu zahlenden Nettolohn groß.


Nicht nur, dass der Arbeitnehmer hierdurch weniger Gehalt bekommt, es tritt noch ein Folgeschaden auf. Da dem Finanzamt ein Lohn gemeldet wird, der nicht gezahlt wurde, und ein Aufstockungsbetrag, der keiner ist und dem Progressionsvorbehalt unterliegt, sind in der Regel hohe Einkommensteuernachzahlungen notwendig. Aber der Arbeitnehmer hat ja eigentlich nur einen Pauschalbetrag bekommen, der fiktiv voll versteuert ist. Richtig wäre hier einen Nettolohn von 0,00 € und einen steuerfreien Betrag, der dem Progressionsvorbehalt unterliegt, anzugeben. Damit wäre meist keine Einkommenssteuer zu zahlen.

Wie habe ich das festgestellt?

Ich bin beim Landkreis Harz angestellt und damit im öffentlichen Dienst tätig. Seit dem 31.12.2009 habe ich vertraglich Altersteilzeit vereinbart.
Die Freizeitphase hat am 2. Juli 2015 begonnen und endet am 31. August 2018.

Da in der Altersteilzeit die Arbeitszeit die Hälfte der bisherigen beträgt, erhalte ich auch nur 50 % von meinem Bruttolohn. Dieser sollte aber laut § 5 TV ATZ auf 83 % des Nettobetrages des bisherigen Arbeitsentgelts (Mindestnettobetrag) aufgestockt werden.

Auf der monatlichen Verdienstabrechnung werden, wie bei jedem Arbeitnehmer, die Bezüge und Abzüge für den halben Lohn ordentlich aufgelistet. Nur der Altersteilzeit-Aufschlag erscheint einfach nur als Betrag. Wie er errechnet wird ist nicht ersichtlich.

Zum 1. April 2016 habe ich die Krankenkasse gewechselt, weil meine bisherige den Zusatzbeitrag auf 1,4 % erhöht hatte. Die neue Krankenkasse habe ich hauptsächlich nach der Höhe des Beitrages ausgewählt. Bei der Neuen bezahle ich nur 0,3 % zusätzlich. Bei meinem Verdienst sollte das ca. 25,00 € ausmachen.
Als ich dann die entsprechende Verdienstbescheinigung erhielt, musste ich feststellen, dass die Krankenkasse zwar 24,87 € weniger gekostet hat, aber mein gesetzliches Netto sich nicht um einen Cent verändert hat. Dafür hat sich der Altersteilzeit-Aufschlag genau um diesen Betrag verringert.

Weiterhin hatte ich festgestellt, dass der volle Krankenkassenbeitrag abgeführt wird, obwohl ich nur den ermäßigten zahlen müsste. Nach einer Rückfrage bei der Lohnbuchhaltung erfolgte auch umgehend eine rückwirkende Korrektur. Allerdings kommt auch hier die verminderte Beitragszahlung nicht meinem Nettoentgelt zugute.
Wie kann das sein?

Daraufhin habe ich mich schlau gemacht, wie denn mein Gehalt berechnet wird.

Die Berechnung des Gehaltes bei Altersteilzeit
(Vereinfacht dargestellt)

Zugrunde gelegt wird das halbe Bruttogehalt, da ja auch die durchschnittliche Arbeitszeit über die Laufzeit des Altersteilzeitvertrages halbiert ist.
Nehmen wir mal anhand eines Beispiels
(es ist nicht mit meinem identisch) an:
Bruttogehalt = 2.250,00 €
Davon werden die persönlichen Sozialabgaben und Steuern abgezogen. (Annahme:Abrechnungsjahr 2016, Steuerklasse III, Sachsen-Anhalt, Alter 62, keine Kinder, gesetzlich versichert, ermäßigter Krankenkassenbeitrag, KV-Zusatzbeitrag 0,3 %)
Steuern insgesamt = 53,83 €
Sozialabgaben insgesamt = 440,44 €
verbleiben
Netto = 1.755,73 €
dann werden 20 % des Bruttoentgelts ermittelt
Aufstockungsbetrag nach §5 Abs. 1 TV ATZ = 450,00 €
und zum Netto addiert 
Netto nach §5 Abs. 1 TV ATZ = 2.205,73 €
Als nächstes wird in der Mindestnettobetragstabelle 2008 vom 20.12.2007 der Mindestnettolohn 83 % für die entsprechende Steuerklasse herausgesucht. Dabei ist das bisheriges Arbeitsentgelt das gesamte, dem Grunde nach beitragspflichtige Arbeitsentgelt, das für eine Arbeitsleistung bei bisheriger wöchentlicher Arbeitszeit zu beanspruchen wäre. In unserem Beispiel der Bruttolohn für Vollzeit, also 4500,00 €. Da steht in der Tabelle
Mindestnettolohn = 2.363,96 €
Dann wird von diesem Mindestnettolohn das Netto nach §5 Abs. 1 TV ATZ abgezogen und ergibt
Zusatzaufstockung nach §5 Abs. 2 TV ATZ = 158,23 €
Der Aufstockungsbetrag nach §5 Abs. 1 und die Zusatzaufstockung nach §5 Abs. 2 TV ATZ bilden dann den
Altersteilzeitaufschlag = 608,23 €
Dieser Aufschlag wird zum Netto hinzugerechnet, welches dem Arbeitnehmer für die halbe Arbeitszeit zusteht. Hier also
tatsächliches Netto = 2.363,96 €
Von diesem Betrag wird dann vor der Auszahlung noch ein AN-Beitrag für die Zusatzversorgung abgezogen, aber das spielt für diese Betrachtungen keine Rolle.

Die Berechnung erscheint auf den ersten Blick schlüssig und stimmig, aber im letzten Schritt ist ein entscheidender Gedankenfehler enthalten, der die Berechnung, zumindest für den Arbeitnehmer, völlig unnötig macht.

Der Fehler

Ob das Altersteilzeitentgelt anhand der Mindestnettobetragstabelle zu ermitteln ist, damit beschäftigten sich schon mehrmals verschiedene Gerichte. So stellte zum Beispiel das BAG im Urteil vom 19.02.2013 – 9 AZR 431/11 fest, dass die Berechnung des Aufstockungsbetrages nach der Mindestnettobetragstabelle weder gegen den Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG verstößt, noch dass die dabei auftretenden Abweichungen so wesentlich sind, um die tarifautonome Entscheidung der Tarifvertragsparteien infrage zu stellen. Nach der Konzeption des Grundgesetzes ist die Festlegung der Höhe des Entgelts grundsätzlich den Tarifvertragsparteien übertragen.

Das mag ja alles richtig sein, aber eines wurde von allen, dem Kläger, den Beklagten und vom Gericht übersehen – die Berechnung, so wie sie angewandt wird, berechnet nicht den Aufstockungsbeitrag, sondern der komplette Nettolohn wird so nach einer Pauschale berechnet (bzw. in einer Tabelle abgelesen), die weder den persönlichen Gegebenheiten entspricht nach dem aktuellen Steuer- und Sozialrecht.
Damit ist es keine Sache der Tarifautonomie und die Abweichungen sind auch nicht unwesentlich.

In § 5 Abs. 2 TV ATZ steht:

„(2) Der Aufstockungsbetrag muss so hoch sein, dass der Arbeitnehmer 83 v.H. des Nettobetrages des bisherigen Arbeitsentgelts erhält (Mindestnettobetrag). Als bisheriges Arbeitsentgelt ist anzusetzen das gesamte, dem Grunde nach beitragspflichtige Arbeitsentgelt, das der Arbeitnehmer für eine Arbeitsleistung bei bisheriger wöchentlicher Arbeitszeit (§ 3 Abs. 1 Unterabs. 2) zu beanspruchen hätte; ...“
Es wird zwar zur Bestimmung das Aufstockungsbetrages richtig das Netto eingesetzt, was bei Vollzeitbeschäftigung erzielt worden wäre, aber dann wird vergessen, dass es hier um die Berechnung des Altersteilzeitaufschlages geht, der in der Regel immer um ¼ des gesamten Nettolohnes liegt. Aber hier wird zu einem festen Tabellenentgelt ergänzt.
Das bedeutet, das es für den Arbeitnehmer eigentlich egal ist, was vorher berechnet wurde. Sein gesamtes Netto wird von einem Wert bestimmt, der in einer Tabelle abgelesen wird, die nach Durchschnittswerten ermittelt wurde, und auch schon etliche Jahre alt sind.

Im obigen Beispiel lässt sich das leicht nachvollziehen. Jeder Betrag für das „Halbtagsnetto“ von 0,00 € bis zum Tabellenwert 2.363,96 € ergibt das tatsächliche Netto von 2.363,96 €.

Persönliche Besonderheiten, wie z. B. verminderte Krankenkassenbeiträge oder ein eventueller Steuerfreibetrag, werden zur Ermittlung des gesamten Nettolohnes nicht berücksichtigt. Ein Steuerfreibetrag wird sich sogar negativ auf den Arbeitnehmer auswirken, da ja bei der Jahressteuererklärung berücksichtigt wird, dass das Finanzamt weniger Lohnsteuer aus den laufenden Bezügen erhalten hat, obwohl der Nettolohn nicht gestiegen ist.

Das Ganze erinnert mich an einen Zahlentrick, wo sich jemand eine Zahl merken soll, mit der man dann einfache Rechenoperationen ausführt, bei der diese gemerkte Zahl sich unbemerkt aufhebt und man dann zur Verblüffung des Gegenüber das Ergebnis weiß.


Der mathematische Beweis

Für einen Außenstehenden sind die oben durchgeführten Berechnungen ziemlich verwirrend. Dass der Arbeitnehmer aber als Nettolohn nur einen in einer Tabelle abgelesenen Wert erhält und die gemachten Berechnungen für den Beschäftigten am Ende umsonst waren, lässt sich leicht beweisen, indem man die Berechnung in Gleichungen mit Variablen fasst.
 

N
– Netto für geleistete Arbeitet
A1
– Aufstockungsbetrag nach TV ATZ § 5 Abs. 1
A2
– Zusatzaufstockungsbetrag nach TV ATZ § 5 Abs. 2
A
– Aufstockungsbetrag gesamt
NA1
– Netto nach TV ATZ § 5 Abs. 1 (N + A1)
T
– Tabellenentgelt nach Mindestnettobetragstabelle
Nt
– tatsächliches Netto (N + A)

Zuerst wird das Netto errechnet (und die entsprechenden Beträge an Sozialversicherungen und Finanzamt abgeführt).

Dann wird zu dem Netto der Aufstockungsbetrag nach TV ATZ § 5 Abs. 1 addiert:

(1) NA1 = N + A1 nach N umgestellt: (1a) N = NA1 – A1
Der Zusatzaufstockungsbetrag wird danach aus der Differenz von (1) und dem abgelesenen Tabellenentgelt aus der Mindestnettobetragstabelle ermittelt:
(2) A2 = T - NA1
Die Summe der beiden Aufstockungsbeträge ergibt dann den Aufstockungsbetrag gesamt:
(3) A = A1 + A2
Daraus ergibt sich das tatsächliche Netto:
(4) Nt = N + A
Das klingt plausibel, aber nur solange man jetzt die Gleichungen nicht auflöst. Das hat anscheinend noch keiner gemacht.

In (4) setzen wir zuerst für N (1a) und für A (3) ein:

(5) Nt = NA1 – A1 + A1 + A2 = NA1 + A2
das ist auch sachlich richtig, da A1 ja in N enthalten ist.
Im nächsten Schritt ersetzen wir in (5) A2 durch (2):

(6) Nt = NA1 + T – NA1 = T
Damit ist der tatsächliche Nettolohn (Nt) gleich dem Tabellenwert (T) der Mindestnettobetragstabelle und die Berechnung des zu zahlenden Netto entspricht nicht den Bestimmungen des TV ATZ und ist damit rechtswidrig.

Auswirkungen der falschen Berechnungen
 

Die Berechnungen werden so durchgeführt, als wenn der TV ATZ in etwa so lauten würde:
㤠4
(1) Für die Berechnung der Sozialabgaben und Steuern werden die Beträge berücksichtigt, die sich für entsprechende Teilzeitkräfte bei Anwendung der tariflichen Vorschriften (z. B. § 34 BAT/BAT-O) ergeben würden, mit der Maßgabe, dass die Bezügebestandteile, die üblicherweise in die Berechnung des Aufschlags zur Urlaubsvergütung / Zuschlags zum Urlaubslohn einfließen, sowie Wechselschicht- und Schichtzulagen entsprechend dem Umfang der tatsächlich geleisteten Tätigkeit berücksichtigt werden.
(2) Unabhängig von Abs. 1 erhält der Arbeitnehmer einen Nettolohn, der sich aus der Mindestnettobetragstabelle in Höhe von 83 v. H.entsprechend seines bisherigen Entgelts ergibt (Mindestnettobetrag). Als bisheriges Arbeitsentgelt ist anzusetzen das gesamte, dem Grunde nach beitragspflichtige Arbeitsentgelt, das der Arbeitnehmer für eine Arbeitsleistung bei bisheriger wöchentlicher Arbeitszeit (§ 3 Abs. 1 Unterabs. 2) zu beanspruchen hätte; der sozialversicherungspflichtige Teil der vom Arbeitgeber zu tragenden Umlage zur Zusatzversorgungseinrichtung bleibt unberücksichtigt. ...
(3) Es besteht kein Rechtsanspruch auf die Verwendung von aktuellen Werten in der  Mindestnettobetragstabelle bezüglich der Lohnsteuer und den Sozialabgaben. Von allgemeinen Steuervergünstigungen und Veränderungen bei den Sozialbeträgen sind Arbeitnehmer, die in den Gültigkeitsbereich des TV ATZ fallen, ausdrücklich ausgenommen.

§ 5
– Abs. 1 bis 3 entfällt –“
Aber diese Formulierung des TV ATZ wäre von vorn herein rechtswidrig.

Die Auswirkungen sind im Wesentlichen folgende:
  • Den auf dem Gehaltsnachweis ausgewiesenen Nettolohn und Aufstockungsbetrag erhält der Arbeitnehmer nicht. Stattdessen erhält er einen Pauschallohn. Das ist eine Falschbeurkundung.
  • Dem Finanzamt wird ein Lohn gemeldet wird, der nicht gezahlt wurde, und ein Aufstockungsbetrag, der keiner ist und dem Progressionsvorbehalt unterliegt. Damit sind in der Regel hohe Einkommensteuernachzahlungen notwendig. Aber der Arbeitnehmer hat ja eigentlich nur einen Pauschalbetrag bekommen, der fiktiv voll versteuert ist. Richtig wäre hier einen Nettolohn von 0,00 € und einen steuerfreien Betrag, der dem Progressionsvorbehalt unterliegt, anzugeben. Damit wäre meist keine Einkommenssteuer zu zahlen.
  • Eingetragene Steuerfreibeträge kommen nur dem AG zugute. Beim AN steigt dadurch die Steuerlast.
  • Vom Gesetzgeber gewollte Steuervergünstigungen für Arbeitnehmer kommen nicht beim Arbeitnehmer an. Das ist eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen Beschäftigten.
  • Von geringeren Sozialbeiträgen profitiert nur der Arbeitgeber.
  • Für Arbeitnehmer in der Passivphase ist in der Regel nur der verminderte Beitragssatz zu Krankenversicherung zu zahlen. Das wird nicht berücksichtigt.
  • Von Gesetzesänderungen, die dem Arbeitnehmer ermöglichen sollen, durch Nutzen-Kostenvergleich aktiv seine Sozialabgaben zu verringern, ist der Arbeitnehmer ausgenommen. (z. B. Wechsel in eine Krankenkasse, die weniger Leistungen erbringt, dafür aber einen geringeren Zusatzbeitrag hat.)
Weiterhin wären viele Urteile in Bezug auf die Aufstockungsbeträge anders ausgefallen, wenn den Gerichten dieser Sachverhalt bekannt gewesen wäre.

Wie wäre die richtige Berechnung des Aufstockungsbetrages?

Eine Bestimmung des tatsächlichen Prozentsatzes vom „Halbtagsnetto“ vom Netto bei Vollzeitbeschäftigung ist nach meiner Meinung unbedingte Voraussetzung. Ein Tabellenbetrag oder ein durchschnittlicher Prozentsatz verfälschen dieses Netto.
Auf das „erarbeitete Netto“ besteht Anspruch. Alles andere wäre rechtswidrig.

Aber wenn man dann diesen Prozentsatz hat, kann man auch problemlos den Aufstockungsbetrag genau nach den persönlichen Gegebenheiten ermitteln. Warum sollte man da noch Tabellenwerte benutzen. Es bedeutet doch noch einen zusätzlichen Aufwand und ist ungenauer.

Ich bin auch der Meinung, dass die Begründung, die Verwendung von Pauschalen vereinfacht die Berechnung, falsch ist. Es berechnet heute keiner mehr den Lohn per Hand. Alle einzugebenden Werte zur Berechnung für das Netto bei Vollzeit kennt das Lohnprogramm schon von der Berechnung für die halbe Arbeitszeit. Es muss nur einmalig entsprechend programmiert werden.
Aber auch bei der Berechnung anhand Pauschalen musste programmiert werden und zusätzlich noch Tabellenwerte erstellt und eingegeben werden. So gesehen ist die Ermittlung mit Mindestlohntabellen sogar aufwendiger.
Aber nicht nur hier, sondern auch woanders arbeitet der Gesetzgeber gern mit Pauschalen. Warum wohl? Doch nicht etwa, weil die Pauschalen in der Regel immer zu Ungunsten der „kleinen Leute“ ausgelegt werden? Was wäre, wenn hier der Arbeitnehmer zu viel Lohn bekommen hätte?

Für obiges Beispiel wäre der Bruttolohn bei Vollbeschäftigung 4500,00 €. Daraus ergibt sich

Nettolohn bei Vollzeit = 3.060,56 €
Da der Nettolohn bei 50 % der Arbeitszeit ohne Aufstockungsbeträge = 1.755,73 € beträgt, ergibt sich
Nettolohn halbe Arbeitszeit : Nettolohn halbe Arbeitszeit = 57,37 %
Damit ist der Nettolohn insgesamt um 25,63 % (83 % - 57,37 %) aufzustocken und es ergibt sich
Altersteilzeitaufschlag = 784,42 € (25,63 % von 3.060,56 €)
und es ist
tatsächliches Netto = 2540,15 € (1.755,73 € + 784,42 €)
Wenn man jetzt dieses mit dem oben berechneten Wert vergleicht, wurden
176,19 € zu wenig gezahlt!
Die Berechnung im Beispiel erhebt natürlich keinen Anspruch, auf den Cent genau zu sein, aber es zeigt die Größenordnung des falschen Ergebnisses.

Aber selbst wenn die Berechnung richtig gemacht wird, erhält der Vorruheständler im Durchschnitt nicht die 83 % Netto vom Vollzeitgehalt. In dem Altersteilzeitaufschlag ist rechentechnisch anteilig die Lohnsteuer enthalten, auch wenn das Finanzamt diese nicht bekommt. Aber mit der Jahressteuererklärung unterliegt dieser Aufschlag dem Progressionsvorbehalt, wodurch die Steuerlast steigt.


Eure Andrea

Anmerkung:
Da ich dagegen vorgehen werde und das Thema damit umfangreicher werden wird, habe ich dafür eigene Seiten unter "Der Altersteilzeitskandal" eigerichtet.

Samstag, 7. Mai 2016

Transsexualität und Computerspiele


Auf den ersten Blick scheinen die Themen Transsexualität und Computerspiele so gar nichts gemeinsam zu haben. Ein Spiel ist ein Spiel und Transsexualität ist so ziemlich das Gegenteil von einem Spiel.

Und trotzdem ist mir das Thema TS und Computerspiele immer mal wieder begegnet, so auch in diesem Blogpost über Transgender in "second life | Gor". Die Autorin hat sich da als Außenstehende recht gut über das Thema Transsexualität informiert und geht der sehr speziellen Frage nach wie transsexuelle Charactere in diesem Rollenspiel überhaupt spielbar wären.

Dieser Post reizte mich zum Kommentieren und auch zum weiteren Nachdenken und zur Recherche über dieses Thema. Daraus entstand im August 2012 der folgende Artikel, den ich nun, leicht überarbeitet, hier bei Andrea re-poste.

Den Grundgedanken transsexueller Charactere fand ich zunächst sehr fremdartig, denn ich konnte mir nicht vorstellen dass es jemanden gibt, der in einem Computerspiel in dem man sich das Geschlecht selbst auswählen kann, freiwillig Transsexualität leben möchte. Es ist doch schon im Leben schwer genug, dann muß es im Spiel doch nicht auch noch sein, wenigstens ad hoc dort schon mal Vollweib leben wäre doch viel besser.

Das Ganze fußte auf meinen Erfahrungen aus meiner eigenen Gamer-Zeit, in der ich fast ausschließlich mit weiblichen nicknames unterwegs war und interessanterweise von Menschen, die mich nur über das kannten was sie von mir in Foren lasen, oft auch für eine Frau gehalten wurde. Rückblickend ist es schon fast Ironie dass sich einige wenige auch im Teamspeak nur schwer von ihrer Meinung abbringen ließen. Teils war das recht lustig, so haben wir einmal zu einem Dutzend Leuten die sich kannten, einen Clan aufgebaut der nach außen hin nur aus Mädels bestand, und es war schon drollig wie die anderen mit uns umgingen bevor sich dann doch herumsprach wer dahinter steckte.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Geschlechtervielfalt rund um die Welt


Über das tiefere Verständnis dessen, was "Geschlecht" ausmacht, wird hierzulande gerne und tiefschürfend diskutiert. Und nicht nur aus TS-Kreisen ist mir da manche vehemente Diskussion noch gut in Erinnerung.

Oft tun wir so als ob wir es sind, die auf diesem Gebiet die Grundlagen zu legen hätten, wenig bekannt ist, wie weit das Geschlechterverständnis in anderen Teilen der Welt ist. Vor allem haben die von uns oft als "rückständig" betrachteten Kulturen eine erstaunlich moderne Sicht auf dieses Thema.

Vor einiger Zeit habe ich über die fünf Geschlechter der Navajo-Indianer berichtet. Bei der Recherche zu diesem Artikel stiess ich auch auf den Film "two spirits" der die wahre Geschichte von Fred Martinez erzählt:
Fred Martinez was nádleehí, a male-bodied person with a feminine nature, a special gift according to his ancient Navajo culture. He was one of the youngest hate-crime victims in modern history when he was brutally murdered at 16. Two Spirits explores the life and death of this boy who was also a girl, and the essentially spiritual nature of gender. 
Fred war einer dieser Nadleehs, in diesem Fall ein Mädchen in einem Jungenkörper, irgendwie dazwischen, vielleicht weder das eine noch das andere. Sein Leben endete gewaltsam im Alter von 16 Jahren.

Wen der Film und seine Hintergründe interessiert dem sei der Besuch der oben verlinkten Website wärmstens empfohlen. Dort findet sich neben Informationen über das Geschlechterverständnis der Navajo auch eine Übersicht wie verschieden die Sicht auf die Geschlechter in veschiedenen Kulturen rund um den Globus doch ist.

Dies wird auf einer Weltkarte visualisiert, ein Klick auf die Markierungen führt zu weiteren Detailinformationen. Die Navajo sind natürlich dort zu finden, die Fa'afafine von Samoa ebenso wie die Hijras aus Indien und die Bakla von den Philippinen. Und noch viele, viele mehr ... mir war gar nicht bewusst wie vielfältig die Welt doch ist.

Viel Spass beim Stöbern!



Quelle: "A Map of Gender-Diverse Cultures"

Samstag, 9. Januar 2016

Post von Jasmin

Nachdem ich nun lange nichts geschrieben habe, möchte ich heute mal wieder mal posten. Genau genommen ist es allerdings nicht von mir. 
Wenn sich hier im Blog auch kaum noch was tut, bekomme ich regelmäßig noch Mails, so wie heute von Jasmin. Sie bat mich das hier zu veröffentlichen: 

Hallo Andrea, zuerst einmal ein ganz ganz dickes Lob für deine Seite, ich habe sie nun schon mehrmals gelesen und bin immer noch begeistert. 
Da das Jahr noch nicht allzu alt ist, wünsche ich natürlich auch noch ein gesundes neues Jahr! 
Gestern fasste ich mir ein Herz und wollte einen Beitrag im Bereich "TS und die Ehe" schreiben. Jedoch war dieser zu lang und ich wusste nicht wie ich mir helfen sollte. Ich benutzte das Kontaktformular. Jetzt jedoch erscheint mir das als viel zu unpersönlich und ich habe mich überwunden dir direkt eine Mail zu schreiben. 

Zu meiner Person: 
Ich heiße jetzt Jasmin, werde im April 54 Jahre jung und bin Transfrau. Ich lebe mit meiner Frau in einem winzigen Häuschen am Rand von Berlin. Mein Outing war vor etwas mehr als 1 Jahr, das steht aber auch nochmal in dem Text den ich dir nun schicken will. 
Im Grunde ist es in Kurzfassung meine Lebensgeschichte, jedoch als positiver Beitrag im Bereich "TS und die Ehe" in meinen Augen angebracht. Außerdem beleuchtet der Text kurz mein Outing in der Firma. 
Vielleicht veröffentlichst du ihn ja: 

Hallo Andrea und natürlich auch alle anderen hier, ich möchte doch auch mal meine (durchweg positiven) Erfahrungen schildern: 

Ich bin die Jasmin, bin Transfrau, und noch nicht ganz 54 Jahre jung. Ich habe meine Ehefrau vor etwas mehr als 23 Jahren kennen gelernt. Damals wusste ich noch nicht wirklich was mit mir los war/ist. Aber ich habe ihr schon ein paar Tage nach dem Kennenlernen gesagt das ich mich in Frauenkleidung sehr wohl fühle. 
Damals dachte ich noch ich sei Crossdresser und würde mit gelegentlichem "Verkleiden" bis an mein Lebensende glücklich sein (weit gefehlt!). Was ich aber sagen will: Sie hat es damals positiv aufgenommen – ja sie hat mich sogar unterstützt, hat mir geholfen die für mich passenden Kleidungsstücke zu erhalten und mir die Möglichkeit gegeben, es im häuslichen Umfeld auszuleben. 

Vor fast 18 Jahren haben wir geheiratet. 

Mit der Zeit wurden die Abstände zwischen meinen Episoden immer kürzer bis ich so sehr darunter litt, keine Frau zu sein, das ich krank (d.h. stark depressiv) wurde. 
Mit meiner Frau habe ich während der vielen Jahre immer offen und ehrlich über das Thema geredet. Sie begleitete mich, stützte mich, half mir. Anfang 2014 ließ ich mich krank schreiben. Ich verkroch mich zuhause. Es hat über ein halbes Jahr gedauert bis mich meine Hausärztin davon überzeugen konnte, eine Therapie in einer psychotherapeutischen Tagesklinik anzufangen. 
In dieser Therapie war es ein relativ kurzes persönliches Gespräch mit einer Mitpatientin, das mich wach rüttelte. 
An diesem Tag ging ich heim und redete mit meiner Frau darüber, dass ich nun endgültig als Frau leben wolle und den Weg der Hormontherapie sowie auch (damals noch eventuell, heute aber ganz sicher) eine GaOp ansteuern möchte. Natürlich war sie erst einmal geschockt – wer ist das bei so einer Nachricht nicht? Aber sie hat sich zu mir bekannt, gesagt das wir das zusammen durchstehen (Ihre Bedingung war nur das unsere Ehe nicht geschieden wird, wir wussten damals noch nichts über die Änderung im TSG). 
Am folgenden Tag bin ich En-Femme (und ich war noch nie vorher in Frauenkleidung, d.h. mit Rock, Bluse und Schuhen mit kurzen Absätzen, in der Öffentlichkeit!) in öffentlichen Verkehrsmitteln zu der Tagesklinik gefahren. Es folgten zuerst erstaunte Blicke, dann wechselten die Blicke in "Jetzt verstehe ich...". Die Psychologin nickte mir anerkennend zu und bat mich in ihr Büro. Dort sagte sie mir das sie mich unterstützen will, so weit es ihr möglich ist und das sie großen Respekt vor meinem Mut hat. Ich habe dann die gesamte restliche Therapie als Frau gemacht. 
Von Stund an ging es mir erheblich besser und ich wurde am Ende der Zeit des Klinik-Aufenthaltes mit der Diagnose F64.0 in die Öffentlichkeit entlassen. Am gleichen Tag an dem ich das erste Mal En-Femme draußen war, habe ich Abends meinen Kleiderschrank ausgeräumt und sämtliche männlichen Kleidungsstücke inklusive aller Schuhe, Jacken etc. in große Säcke gepackt und zur Altkleidersammlung gegeben. 
Seit diesem Tag lebe ich ausschließlich als Frau. Meine liebe Frau unterstützt mich in allem, sei es nun in Sachen Kleidung, Make-up oder auch wie ich denn meinen Gang verbessere (nur um einige Beispiele zu nennen) ... ich lerne quasi von ihr äußerlich eine Frau zu sein bzw mich so zu verhalten, so wie ein Mädchen dies von ihrer Mutter lernt. 

Vor 1 Jahr nun habe ich meine Hormontherapie begonnen, habe Ende September meine VÄ/PÄ beantragt, einen Gerichtstermin hatte ich auch und die Gutachtertermine sind auch schon durch. Ich bin also mitten auf dem Weg der mich wesentlich glücklicher und viel selbstbewusster gemacht hat. Meine Frau ist und war immer Teil dieses Weges. 

Ach ja – der einzigste Wermutstropfen bisher ist, dass meine Eltern sowie auch meine Schwester bisher nicht in der Lage sind, meine Transsexualität zu tolerieren oder zu akzeptieren. Sie reden mich weiterhin mit meinem männlichen Namen und mit "er" an. Ich hoffe sehr, dass es mit der Zeit irgendwann einmal zur Akzeptanz kommen wird. 

Um es auch noch kurz anzusprechen: Nach einem Jahr Krankheit habe ich mich wieder in meiner vorherigen Firma gemeldet. Ein erster Termin (es nannte sich "Betriebliches Wiedereingliederungsmanagement") war insofern amüsant, da den Anwesenden Personen inklusive der Geschäftsführerin erst einmal die Münder offen standen, als ich dort als Frau erschien. 
Die erste Frage war dann auch "Wie dürfen wir sie jetzt ansprechen?" Ich antwortete: "In meinem Ausweis steht noch Herr, jedoch würde ich mich sehr freuen wenn sie mich als Frau H..., oder als Jasmin ansprechen würden“. Als ich dann den ersten Arbeitstag hatte, schickte mein Abteilungsleiter (in Absprache mit mir) eine Mail an alle Mitarbeiter, in der er mich nach der langen Krankheit willkommen hieß und erklärte, was denn mit mir los wäre und das er sowie alle Mitglieder der Geschäftsleitung mich nach besten Kräften auf meinem Weg unterstützen wollen. Er bat in dieser Mail darum das alle Mitarbeiter dies ebenso tun. 
Das ist nun etwas mehr als 1 Jahr her und in der ganzen Zeit habe ich nichts erlebt das in irgendeiner Form diskriminierend war oder in Richtung Mobbing gehen würde (Das leidige Thema Toiletten lasse ich mal ganz bewusst weg). Klar hört man über 7 Ecken das getuschelt und geredet wird, aber wenn man selbstbewusst damit umgeht und niemandem eine Angriffsfläche bietet, lässt es sich sehr gut damit leben. 

Nun ist dieser Post doch mehr geworden als nur ein kleiner Beitrag zum Thema "Wie gehen Eheleute mit dem Thema Trans* um". 
Ich war deshalb so ausführlich, weil ich denke das es für das Gesamtverständnis wichtig ist. 

Viele liebe Grüße Jasmin

Sonntag, 2. August 2015

Artikel "Trans-Outing im Job"

In dem Magazin für JOB- und Personalsuchende "WORKSCOUT" ist ein Artikel erschienen, wo Bezug auf mein Outing im Job genommen wird. 


Frau Dr. Birgit Lutzer hätte zwar gern auch über die Erfahrung von Transsexuellen geschrieben, die Probleme beim Outing im Job gehabt haben, aber leider hat sich da keiner gefunden. Das ist auch verständlich, denn wer riskiert schon gerne seinen Arbeitsplatz, indem er negativ über den Arbeitgeber berichtet. 

Eure Andrea

Samstag, 16. Mai 2015

Magnus-Hirschfeld-Weg in Magdeburg

Die Magdeburger Volksstimme berichtete, dass heute anlässlich des 80. Todestages von Magnus Hirschfeld eine Straße in Magdeburg nach ihm benannt wurde. 
Hier die Rede des Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz, Heiko Maas, zur Einweihung dieser Straße. 

Ich finde es wichtig, an Personen, die besondere Leistungen für Minderheiten erbracht haben oder Opfer, die aufgrund ihres „Andersseins“ umgebracht worden, durch Namensgebungen von Orten oder Gedenktafeln zu erinnern. 
Leider passiert das aber zu selten, denn Minderheiten interessieren die Wenigsten bzw. finden es leider noch immer zu viele Menschen, dass bestimmte Minderheiten „abnormal“ sind und deshalb nicht noch daran erinnert werden sollte. 
Als Beispiel möchte ich hier noch mal an Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel erinnern, der an seinem Hinrichtungsort in Halberstadt noch nicht mal eine Gedenktafel hat (hatte bereits darüber berichtet). Es scheint einfach keinen zu interessieren. 

Eure Andrea

Donnerstag, 30. April 2015

EuGH-Urteil zur Blutspende von Homosexuellen

Der Europäische Gerichtshof fällte gestern ein Urteil in derRechtssache C-528/13.
Ein Mann aus Frankreich hatte geklagt, weil er im April 2009 eine Blutspende abgeben wollte und ihm das aber mit der Begründung abgelehnt wurde, dass er eine sexuelle Beziehung zu einem Mann hätte und er damit von einer Blutspende ausgeschlossen sei.
In den Meldungen der großen Zeitungen und Nachrichtenagenturen wird dieses Urteil mit Schlagzeilen versehen, die den Eindruck machen, einen Nichtzulassung von homosexuellen Menschen zur Blutspende sei rechtens.
So kommentiert „Die Süddeutsche“: „Spendeverbot - Darum dürfen Schwule von der Blutspende ausgeschlossen werden - Der Europäische Gerichtshof hat das Blutspendeverbot für Homosexuelle für rechtens erklärt - und damit ein medizinisch sinnvolles Urteil gefällt. Die Bereitschaft zur Blutspende ist ehrenwert, aber kein unverzichtbares Menschenrecht.“
Die „tagesschau.de“ meldet: „Blutspende-Verbot für Schwule - Homosexuelle Männer dürfen kein Blut spenden - das gilt auch in Deutschland. Grund: Laut EU-Recht sind Personen mit hohem Risiko für Infektionskrankheiten wie HIV ausgeschlossen. tagesschau.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Thema.“
Die „Frankfurter Allgemeine“ schreibt: „Schwule Männer dürfen von Blutspende ausgeschlossen werden - Das Blutspende-Verbot für homosexuelle Männer kann laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs rechtens sein. In der Begründung bleiben die Ausführungen des Gerichts äußerst vage.“
Der „Stern“ berichtet: „Homosexuelle Männer dürfen weiter ausgeschlossen werden - Bislang durften homosexuelle Männer kein Blut spenden. Der Europäische Gerichtshof entschied nun, das generelle Verbot aufzuheben, Schwule dürfen aber weiter ausgeschlossen werden.“
Man könnte hier noch mehr aufzählen. In den weiteren Ausführungen wird zwar teilweise die Schlagzeile wieder etwas relativiert, aber letztendlich bleibt die Aussage, Homosexuellen bleibt eine Blutspende laut Urteil des EuGH verwehrt.
Was hat aber der Europäische Gerichtshof nun wirklich beschlossen?
Nachzulesen ist das in der Pressemitteilung Nr. 46/15 des Gerichtshofs der Europäischen Union und im Urteil selbst natürlich.
Da wird zwar festgestellt, dass das Risiko einer Übertragung von Infektionskrankheiten auf die Empfänger des Blutes mit allen Mittel zu minimieren verpflichtend ist (und das ist gut so), aber auch, dass ein genereller Ausschluss von Risikogruppen nicht auf diskriminierende Weise erfolgen und nur auf das notwendige Maß beschränkt sein darf. Vor einem eventuellen Ausschluss ist zu prüfen, ob es nicht andere wirksame Methoden, Tests und Verfahren gibt, diesen Ausschluss zu vermeiden oder zu minimieren.
Was bedeutet das, insbesondere für Deutschland?
In Deutschland sind bestimmte Risikogruppen von der Blutspende lebenslang ausgenommen. Nach diesem Urteil ist das ein klarer Verstoß nach Art. 21 Abs. 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union – eine Diskriminierung wegen der sexuellen Ausrichtung, weil hier allein die Zugehörigkeit zu einer Gruppe als Ausschlusskriterium gilt und nicht das sexuelle Verhalten.
Zitat aus Urteil:
Insoweit obliegt es dem vorlegenden Gericht insbesondere zu prüfen, ob möglicherweise anhand des Fragebogens und der persönlichen Befragung durch einen qualifizierten Angehörigen eines Gesundheitsberufs nach Anhang II Teil B Nr. 2 der Richtlinie 2004/33 die Verhaltensweisen genauer identifiziert werden können, die mit einem Gesundheitsrisiko für die Empfänger verbunden sind, um eine weniger einschränkende Kontraindikation festzulegen als eine dauerhafte für alle Männer, die sexuelle Beziehungen zu Männern hatten.
Wie der Generalanwalt in Nr. 61 seiner Schlussanträge ausgeführt hat, muss das vorlegende Gericht in diesem Sinne insbesondere beurteilen, ob es durch gezielte Fragen zum seit der letzten sexuellen Beziehung verstrichenen Zeitraum im Verhältnis zur Dauer des „diagnostischen Fensters“, zur Beständigkeit der Beziehung der betreffenden Person oder zum Schutz in der sexuellen Beziehung möglich wäre, die Höhe des Risikos zu bewerten, das individuell durch den jeweiligen Spender aufgrund seines eigenen Sexualverhaltens besteht.
Richtig wäre, nach den sexuellen Verhaltensweisen ein Ausschluss festzulegen. So wäre z. B. ein Ausschlusskriterium Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern. Aber auch nur für eine bestimmte Zeit rückwirkend, denn die Latenzzeit beträgt ja nur auch eine gewisse Zeit. Und diese Verhaltensweisen sind bei allen Blutspendern abzufragen, denn das Risiko besteht nicht etwa, nur weil jemand einer Gruppe angehört. Ein Homosexueller, der keinen Geschlechtsverkehr oder einen mit einem festen Partner hat, stellt kaum ein höheres Risiko dar, als ein heterosexueller Mensch mit gleichem Verhalten.
Umgekehrt stellt ein Familienvater, der laufend ungeschützten außerehelichen Sex mit wechselnden Partnerinnen hat, ein hohes Risiko dar, genau wie seine Frau, die vielleicht noch nicht einmal weiß, dass sie gefährdet ist.
Wenn hier das Argument gebraucht wird, dass das sexuelle Verhalten Privatsache ist und von dem man keine Auskunft verlangen darf, weil es keinem was angeht, der liegt falsch. Denn dann dürfte auch nicht von einem homosexuellen Menschen verlangt werden, dass er das angibt, besonders deshalb, weil mit dieser Bekenntnis sofort angenommen wird, laufend Sex mit wechselnden Partnern zu haben. 
Weiterhin, wer kann nachprüfen, ob jemand die Wahrheit sagt? Die ehrlichen sind hier einfach die „Dummen“.
Hier hatte ich schon mal geschrieben, dass auch Transsexuelle von der Blutspende ausgenommen sind. Besonders in den Kommentaren dazu wird klar, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe für die meisten ein Ausschlusskriterium ist, unabhängig vom persönlichen Verhalten. Dieses Urteil sagt aber eindeutig aus, dass das eine unzulässige Diskriminierung darstellt:
Nr. 2.1 des Anhangs III der Richtlinie 2004/33/EG der Kommission vom 22. März 2004 zur Durchführung der Richtlinie 2002/98/EG des Europäischen Parlaments und des Rates hinsichtlich bestimmter technischer Anforderungen für Blut und Blutbestandteile ist dahin auszulegen, dass das in dieser Bestimmung enthaltene Kriterium für einen Ausschluss von der Blutspende, nähmlich das Sexualverhalten, den Fall erfasst, dass ein Mitgliedstaat im Hinblick auf die in diesem herrschende Situation eine dauerhafte Kontraindikation bei Blutspenden für Männer vorsieht, die sexuelle Beziehungen zu Männern hatten, wenn aufgrund der derzeitigen medizinischen, wissenschaftlichen und epidemiologischen Erkenntnisse und Daten feststeht, dass ein solches Sexualverhalten für diese Personen ein hohes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten birgt und dass es unter Wahrung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit keine wirksamen Techniken zum Nachweis dieser Infektionskrankheiten oder mangels solcher Techniken weniger belastende Methoden als eine solche Kontraindikation gibt, um ein hohes Gesundheitsschutzniveau der Empfänger sicherzustellen. Es ist Sache des nationalen Gerichts zu beurteilen, ob diese Voraussetzungen in dem betreffenden Mitgliedstaat erfüllt sind.“
Eure Andrea